Gedenkstättenfahrt Oswiecim (ehem. Auschwitz)

„Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“ Eine Fahrt in die Vergangenheit stand am spielfreien Wochenende für vier Supportersclub Mitglieder an. Das Schalker Fanprojekt, Schalke Hilft und Schalke Fanbelange organisierten eine Gedenkstättenfahrt nach Oswiecim, mit Besuchen der Konzentrationslager Auschwitz I und Auschwitz II Birkenau. Eine Fahrt, welche alle dreißig Mitgereisten, welche aus den verschiedensten Ecken der Schalker Fanszene zusammenkamen, definitiv niemals vergessen werden. Es wird Wochen, vielleicht sogar Monate oder Jahre dauern, diese Erlebnisse zu verarbeiten und eventuell zu verstehen.

Am 03. Oktober fand das erste Kennenlerntreffen der Reisegruppe statt – ein Vorbereitungsseminar, welches in der Gelsenkirchener GlückAuf Kampfbahn begann und uns zur jüdischen Synagoge in Gelsenkirchen führen sollte. Der Tag stand im Zeichen der jüdischen Geschichte der Schalker Vereinsfamilie.

Knapp einen Monat später ging die Reise los und niemand wusste so richtig, was einen erwartet. Jeder hat in der Schule Bilder und Dokus gesehen, sich vielleicht vor der Fahrt noch einmal erkundigt, doch die Wenigsten waren bereits vor Ort gewesen, an diesem grausamen Ort, an welchem über 1,6 Millionen Menschen ermordet wurden. Nach 14 stündiger Busfahrt kamen wir in der Stadt Oswiecim (früher Auschwitz) an.

Lange Zeit um uns frisch zu machen, hatten wir nicht. Nach dem Mittagessen stand ein Besuch auf dem einzig verbliebenen jüdischen Friedhof der Stadt und der eigentlich Stadt Oswiecim selbst. Ein Ortskundiger zeigte uns die Stadt und erklärte mit viel Engagement die jüdische Geschichte der Stadt: Vor der Machtergreifung Hitlers waren 60% der Einwohner Juden. Im Jahr 2000 starb der letzte dort lebende Jude, so dass es nun keinen einzigen mehr gibt. Selbst diese Erlebnisse galt es schnell zu verdauen, da am nächsten Tag der Besuch im Stammlager I anstand.

War die Stimmung am Abend noch gut und man lernte die Gruppe näher kennen – es war wirklich eine tolle Gruppe und wir hoffen, dass wir uns auch in Zukunft noch oft zusammensetzen und aktiv gegen das Thema Faschismus und Rassismus zusammenarbeiten werden – so, wurde es bei Ankunft an der Gedenkstätte gleich ruhiger im ganzen Bus. Ein beschwertes Gefühl kam auf. Wir betraten das Stammlager durch das Tor mit Schriftzug „Arbeit macht frei“, ein Spruch, den wirklich jeder schon mal gehört haben wird und mit diesem und weiteren grauenvollen Orten der Nazi-Zeit zu verbinden ist. Das Stammlager dient heute, anders als Auschwitz-Birkenau, das Vernichtungslager, an welchem wir einen Tag später waren, als Museum. Hier erfuhren wir anschaulich, wie schlimm das einstige Lagerleben gewesen sein muss und wie perfekt durchdacht das Ganze gewesen sein muss. Es fällt schwer, das Gesehene in Worte zu fassen. Immer wieder versucht man die richtigen Worte zu finden oder zumindest seine Gedanken zu sortieren. Schwer zu begreifen, schwer zu verstehen. Aus den Menschen wurden Nummern, aus den Nummern Gefangene, aus den Gefangenen Opfer. Diesen Weg mussten Millionen über Menschen gehen. Bewusst wird einem das spätestens, wenn man durch Räume mit Tonnen voller Harre, tausenden von Schuhen, oder aber an einem knapp zehn Meter langen Buch, in welchen Namen von vier Millionen ermordeten Juden stehen. Es war wirklich emotional und auch die Verbrennungsöfen und eine Gaskammer werden ewig in unseren Köpfen bleiben.

Nach der Führung blieb noch etwas Zeit um sich eigenständig auf dem Gelände zu bewegen. Die einen nutzten dies für eigene Erfahrungen, andere wollten – auch verständlich – die Gedenkstätte wieder verlassen. Andere befassten sich erneut mit der jüdischen Geschichte Gelsenkirchens und suchten in dem riesigen Buch gezielt Namen ermordeter Gelsenkirchener Juden, wie Ernst Alexander, einem einstigen Fußballspieler der Königsblauen Knappen, welcher nach Auschwitz deportiert wurde und dort starb. Nach Besuch des Stammlagers I ging der Tag mit einem vom Fanprojekt organisierten Workshop weiter. Hier konnten wir über unsere Eindrücke sprechen und versuchen unsere Gedanken zu sortieren. Das war wie man spätestens ab diesem Moment an merkte nicht nur verdammt schwer, sondern auch von hoher Wichtigkeit.

Samstag früh ging es nach Auschwitz II Birkenau, wo viele am Ende den emotionalsten Moment dieser Reise hatten. Schon am Eingang war man sprachlos von der Größe des Geländes. 200, in Worten zweihundert Hektar ist das Gelände groß, welches also ungefähr der Größe von 200 Fußballfeldern entspricht. Wieder begleitete uns der unsere Gruppenleiterin vom Vortag.

Während von vielen Baracken, welche aus Holz gebaut wurden, mittlerweile nur noch der Schornstein zu sehen ist, führte uns der Weg in die erhaltenen Baracken. Hier wurde uns sehr deutlich vor Augen geführt, wie Menschen in viel zu kleinen Behausungen untergekommen waren, es absolut keine Intimität gegeben hat und die hygienischen Zustände das Wort katastrophal wahrscheinlich nicht mal Wert waren. Worte werde ich auch weiterhin nicht für Menschen finden, welche sich die Kinderbaracke anschauen und dort mit Kugelschreiber und Edding Liebeserklärungen an die Wände schreiben. Was geht in solchen Menschen heutzutage vor? Gibt es nicht mal mehr den Hauch von Anstand?  Ein Ort, an welchem Kinder die letzten Tage ihres Lebens verbringen mussten und die Wände werden vollgekritzelt. Geht's noch?

Die Tour ging weiter und wir kamen am Gleis an, wo die Selektion begann. Wer hier ankam war entweder sofort dem Tode verurteilt, oder war nun Sklave ohne Rechte. Stille in der Reisegruppe. Niemand konnte das so wirklich begreifen. Weiter ging es bis zum Ende des Gleises wo noch zwei Ruinen von Gaskammern und Krematorien standen und ein großes in den 60er Jahren erbautes Mahnmal.

Dann ging es über Wege des riesigen Geländes zu den Plätzen der Waldkrematorien, und zu dem großen Backsteinhaus, welches Zentralsauna genannt wurde. Es war der Gang, den eigentlich jeder Jude bei der Ankunft in Birkenau gehen musste und wir gingen diesen Gang. Ich wiederhole mich: Aus Menschen wurden Nummern, aus Nummern Häftlinge und aus dem meisten Häftlingen Tote. Und diesen Weg liefen wir ab und stellten fest was das damals für eine Maschinerie war: unbegreiflich, durchorganisiert und skrupellos.

Der Weg über das Gelände ging weiter. Weite Wege, wo man mit seinen Gedanken allein sein wollte, teilweise mit Tränen rang und man kaum Drang hatte sich mit jemanden zu unterhalten.

Zwischen Stacheldrahtzäunen ging es wieder zum Ausgang, von wo aus wir knapp einen Kilometer zur „alten Judenrampe“ liefen. Ein Ankunftsgleis, an welchem die Menschen, bevor das Gleis direkt in das Lager gebaut wurde ankamen. Es war für viele der emotionalste Moment der Reise. Auf dem Vorbereitungsseminar in Gelsenkirchen lernten wir Frau Judith Neuwald-Tasbach kennen. Frau Neuwald-Tasbach ist Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen und wuchs als Kind von Holocaust-Überlebenden in Gelsenkirchen auf. Nathalie, von Schalke Hilft!, las an eben dieser Rampe eine Geschichte, geschrieben von Frau Neuwald-Tasbach vor, welche von Ihren Eltern, Überlebenden des Holocaust, aber auch von Ihren 24 durch Nazis getötete Familienmitglieder handelte. Wir hielten inne und gedachten allen Opfer des Holocaust, ehe es zurück zum Hotel ging. Dort angekommen begann der zweite Workshop, bei dem wir uns über die Eindrücke des Tages austauschten.

Die Reise ist nun knapp eine Woche her. Weiterhin fehlen die Worte und man wird niemals mehr Antworten finden, warum das alles passiert ist.  Auch, wenn es sehr emotionale Tage waren und beim ein oder anderen viele Tränen geflossen sind, kann man einen Besuch einer solchen Gedenkstätte nur empfehlen. Es ist wohl das dunkelste und grausamste Kapitel der deutschen Geschichte. Wir dürfen nicht vergessen, was dort passiert ist und wir müssen aktiv daran arbeiten, dass das, was dort passiert ist, sich niemals wiederholen wird. Den Satz „Vorurteile töten.“ Nehmen wir aus Auschwitz mit und erinnern uns daran, wann immer es nötig sein wird.

Wir hoffen, dass das Schicksal der Opfer zu Reflexion und Nachdenken darüber anregt, wohin die Realisierung einer rassistischen Ideologie, Nazismus und Hass führten und gleichzeitig Überlegungen über unsere Wahrnehmung der heutigen Gesellschaft hervorrufen.

Wir können uns nur bedanken. Danke an das Schalker Fanprojekt, an Schalke Hilft und Schalke Fanbelange für die Organisation der Gedenkstättenfahrt und die damit verbundene sehr wichtige Erfahrung für das Leben.

Auch möchten wir Frau Neuwald-Tasbach und der jüdischen Gemeinde danken. Danke, dass Sie bereit waren uns einen Einblick in Ihre Synagoge zu ermöglichen, obwohl diese in jüngster Vergangenheit schon mehrfach von Jugendlichen beschädigt und verwüstet wurde. Diese Eindrücke haben es uns möglich gemacht, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen.

Ein letztes Dankeschön geht an jedes einzelne Mitglied der Gruppe. Danke für das in Ruhe lassen, wenn man es brauchte und für das Aufmuntern, wenn es angebracht war.

 

Für das NIE VERGESSEN!

Ben, Florian, Kevin und Nathalie

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